Der Kult-Messenger ist zurück – eine nostalgische Liebeserklärung an ICQ

Wer in den 1990er Jahren groß wurde, der kam an ICQ nicht vorbei. Der legendäre Instant- Messaging-Dienst hatte in seinen Hochzeiten bis zu 470 Millionen registrierte Nutzer. Bis er schließlich nahezu vollkommen im Schatten von Facebook und WhatsApp unterging. Jetzt wagt der Kult-Messenger ein Comeback. Zeit für eine persönliche Liebeserklärung an ICQ und einen nostalgischen Rückblick.

Das erste Internet und lange Chatnächte

Die 90er waren schon eine geniale Zeit. Deutsche Einheit, Loveparade, trashige Eurodance-Videos auf VIVA – das ganze Leben schien wie eine einzige große Party. Überall gute Laune und eine einzigartige Aufbruchstimmung, die einen heute noch wehmütig zurückblicken lässt. Zu dieser Zeit gehörte auch die Entdeckung eines vollkommen neuen Terrains, denn plötzlich waren immer mehr Freunde „online“.

Der erste Internetanschluss zu Hause war damals ein richtig großes Ding. Und dabei reden wir nicht von mobilem Surfen oder ähnlichen Scherzen, sondern man war froh, sich im heimischen Keller mit einem vorsintflutlichen 56k-Modem ins World Wide Web einwählen zu können. Das Laden einer Website konnte schon mal ein paar Minuten dauern. Doch das war egal. Wie fantastisch es doch war, sich über die nächsten Partydates online informieren zu können oder auch einfach mal bei Altavista zu stöbern. Ja, es gab auch mal eine Zeit vor der Google-Dominanz.

Eines Tages kam schließlich von einem guten Freund die Empfehlung, doch mal ICQ zu installieren. Mit diesem Programm könne man sich in Echtzeit austauschen und beispielsweise auch Files unkompliziert hin und her schicken. Gesagt, getan. Und seit diesem Zeitpunkt wurde der praktische Messenger für viele Jahre zu einem täglichen Bestandteil des Lebens. Eine Selbstverständlichkeit, so wie Wäsche waschen und Blumen gießen. Unvergessen das legendäre Tröten beim Hochfahren des Programms und die unvergleichliche Blume, die sich erst bei erfolgreichem Connecten grün färbte.

Die Entdeckung des „Invisible“-Modes

Nach und nach fanden sich immer mehr Freunde und Bekannte aus der realen Welt bei ICQ – was für „I seek you“ = „Ich suche dich“ steht – ein. Hinzu kamen neue, zunächst nur virtuelle Kontakte, mit denen es später teilweise auch zu ganz realen Begegnungen kam. Mit manch einem ICQ-Kontakt wurden die Nächte zum Tag gemacht und es entstanden unglaublich inspirierende und spannende Chatverläufe.

Doch wie im „richtigen“ Leben, so waren auch nicht alle ICQler nur angenehm und nett. Nach und nach kristallisierte sich auch die eine oder andere ziemlich penetrante Nervensäge heraus. Kaum war man online, wurde man schon von diesen Personen mit Nachrichten behelligt. Auf Dialoge, die auf dem „Hallo, wie geht’s?“-Niveau stehen blieben, konnte man dann jedoch auch guten Gewissens verzichten. Doch wie wurde man die Quälgeister möglichst dezent wieder los?

Recht bald fand sich für diese Problematik eine Lösung: der sogenannte „Invisible“-Modus. In der Taskleiste durch die grüne Blume mit schwarzer Sonnenbrille unverkennbar angezeigt, konnte man sich auf diese Weise ein Stück Privatsphäre zurückholen. Ausgewählte, gute Freunde landeten auf der „Visible“-List, so dass sie einen selbst dann sehen konnten, wenn man unsichtbar war. Besonders penetrante Stalker hingegen ließen sich auch auf eine „Invisible“-List setzen, so dass sie einen nie sehen konnten – außer man schrieb sie selbst aktiv an. Wer wünscht sich solch einen Abtauchmodus nicht auch bei WhatsApp immer mal wieder herbei?

Smileys werden zum Bestandteil der Kommunikation

Noch ein Aspekt muss in einer vollständigen Hommage an ICQ unbedingt Erwähnung finden: Die Smileys – heute auch gerne als Emoticons bezeichnet. Denn es war insbesondere dieser Messenger, der sich um die Etablierung dieser inzwischen nicht mehr wegzudenkenden Symbole verdient machte. ICQ-Chats ohne Smileys, das war schnell absolut unvorstellbar.

 

Ganz gleich ob der zum Takt auf und ab wippende Smiley mit dem Kopfhörer, der küssende Smiley, der Engelchen-Smiley oder auch der einzigartige LOL-Emoticon – die gelben Gesellen wurden zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Kommunikation. Und auch wenn irgendwann der Niedergang von ICQ einsetzte und von Woche zu Woche immer weniger Freunde in der Liste als online angezeigt wurden – die Smileys haben die Kult-Software überlebt und auch dafür können wir alle bis heute dankbar sein.

ICQ2Go und weitere Besonderheitenicq2go1

Ein regelrechter Hit war neben dem regulären ICQ auch ICQ2Go. Dieses zeichnete sich dadurch aus, dass hierbei keine extra Software heruntergeladen werden musste. Wer erinnert sich nicht an Urlaubsaufenthalte, während derer beim Besuch im Internetcafé als erstes die ICQ2Go-Seite aufgerufen wurde, um zu checken, was die geliebten Kontakte so treiben.

Eine weitere Besonderheit waren die sogenannten Skins, mit Hilfe derer das Aussehen der Software verändert werden konnte. Zudem gab es spezielle Varianten wie etwa die ProSieben-Edition. Ab ICQ 7 war es auch ohne extra Skins möglich, den Messenger in verschiedenen Farben erstrahlen zu lassen. Die „Xtraz“ hingegen beinhalteten verschiedene Spiele wie Warsheep oder das klassische Schere, Stein, Papier. Ab Version 5 waren mit ICQ bereits Video-Chats möglich.

Findet ICQ nochmals zu alter Stärke zurück?

Noch im Jahre 1998 hatte der damalige Internetriese AOL die Chatsoftware für 407 Millionen US-Dollar von dem israelische Startup Mirabilis übernommen. 2013 waren von der einst riesigen Nutzerschar nur noch etwa 11 Millionen übrig geblieben. Das inzwischen zur russischen Mail.ru Group gehörende ICQ wagt aktuell ein Comeback im neuen Gewand. Durch Gruppenchats und qualitativ hochwertige Videochats sollen die einstigen Nutzer wieder begeistert und neue hinzugewonnen werden. Zudem erlaubt ICQ 10 Filetransfers bis zu einer Dateigröße von 4 GB. Das klingt natürlich alles nicht schlecht. Doch glaubt irgendwer wirklich ernsthaft daran, dass dies der einstigen Kultsoftware noch mal zu einem zweiten Frühling verhelfen kann?

Wer es realistisch betrachtet, wird eher skeptisch sein. Zu dominant sind heute einfach WhatsApp und Facebook Messenger. Wer diese beiden Apps schon auf seinem Smartphone installiert hat, der wird sich wohl kaum auch noch ICQ herunterladen. So werden wohl vor allem die vielen nostalgischen Erinnerungen an die Hochzeit des Messengers bleiben, denn schließlich fing mit ICQ alles an und damals war man der Zeit in Sachen innovative Kommunikation weit voraus. Oder könntet ihr euch vorstellen, dem Programm noch mal eine neue Chance zu geben?

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Über den Autor

Der Halbfinne liebt das Reisen, wobei er als regelrechter Smartphone-Junkie niemals auf sein Mobiltelefon verzichten möchte. Technische Innovationen interessieren ihn nicht zuletzt auch deshalb, weil sie das ortsunabhängige Arbeiten leichter machen.

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Kommentare

Vesh 5. April 2016

Um hier gegen Whatsapp und Line etc. zu Punkten bräuchte es Features, welche so bisher nicht vorhanden sind; einfallen würden mir da z.B. Formen von IRC, Teamspeak oder SIM unabhängiges Funktionieren.

Einfach nur einen Ableger von bereits Vorhandenem zu kreieren, wird nicht ausreichen. Wie auch an den bereits im Artikel erwähnten ursprünglichen ICQ Erfolgseigenschaften abgelesen werden kann: "… damals war man der Zeit in Sachen innovative Kommunikation weit voraus".

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